Der Monatsspruch – eine Einladung zum Dialog

Der Monatsspruch – eine Einladung zum Dialog

Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her!

(2. Könige 19,6)

 

Das ist der Monatsspruch für August 2021. Alle sind eingeladen, ihre Gedanken zum jeweiligen Montagsspruch per E-Mail an Pfarrer Hofmann-Hanke (hofmann-hanke@hoffnungsgemeinde-koeln.de) zu senden. Wer keinen Internet-Zugang hat, kann seine Anmerkungen per Post dem Gemeindebüro bzw. Pfarrer Hofmann-Hanke schicken. Die eingesandten Gedanken und Anregungen werden zu einem Newsletter verarbeitet, auf die Internet-Seite der Gemeinde gestellt, allen Interessenten per E-Mail oder als Brief geschickt oder auf unserer Facebookseite veröffentlicht.

Juli 2021

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.
(Apg. 17,27)

Äußerungen in der Presbyteriumssitzung:

„Der Spruch legt nahe, die Schöpfung – einschließlich mir – als Gesamtkunstwerk zu betrachten“

„Ich bleibe hängen an dem Wort `weben` und denke an die Ähnlichkeit zu `leben’ und `verweben‘.“

„Tatsächlich bedeutet übrigens das Wort `Text` wörtlich: `Verwoben`.“

„Gott ist nicht ferne von uns – aber wir merken es oft nicht (wie bei einer Installation in einem Museum mit einem doppelten Boden)“

„Wir als Gemeinde sollten in dem, wie wir uns zeigen, genau diese Haltung repräsentieren – in unserem Verhalten, in den Gebäuden und in allem, was wir planen.“

 

Und Marion Bauer schreibt:

„Ich finde diesen Spruch sehr ansprechend. Es ist sehr beruhigend, dass unser Herrgott auch im täglichen Leben bei uns sehr nahe ist, egal was wir gerade tun.
Bei mir kommt hier jedoch manchmal die Frage auf, ist Gott auch den Menschen nahe, die schweres Unrecht tun, z. B. Kriege anzetteln? Da komme ich gedanklich schon manchmal ins Schwanken.
Ich fühle mich Gott besonders nahe beim Singen.
In der Bibel gibt es dazu auch einen Text:
Mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen.
(Kolosser 3.16)“

Eine Videoandacht unserer Jugend läuft am Ende auch auf den Monatsspruch hinaus.

 

Juni 2021

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)

Marion Bauer:
Der Sinn in diesem Satz ist richtig.
Doch dieses Wort „gehorchen“ mag ich persönlich überhaupt nicht.
Es klingt so streng, mit Zwang, ohne Liebe.
Durch dieses Wort kann und ist schon viel Unheil geschehen (im Sinne von „fügsam machen“).
Ich würde es lieber so ausdrücken: „Gott steht an erster Stelle“.
Wenn ich etwas richtig finde und dafür brenne, dann möchte ich es gerne und freiwilig tun, ohne Zwang und Strenge.

Wilfried Seeger:
Es ist diese Einstellung,
die gelassen macht.
Nur so sind sie handlungsfähig.
Die Apostel haben keine Angst vor Menschen.
Sie setzen Meinungen nicht über sich,
sie lassen sich nicht von Ängsten,
Befürchtungen und Drohszenarien beherrschen.
Das würde ihnen nur den so nötigen Blick für das verbauen,
was genau in dieser Situation zu tun ist,
was das Gebot der Stunde ist.
Sie ergeben sich nicht den Umständen
und geben sich erst recht nicht auf.
Sie hängen ihr Fähnchen auch nicht nach dem Wind,
biedern sich nicht an, nur um nicht unterzugehen – denn:
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
So reden die Apostel sich nicht selber klein,
sondern konzentrieren sich auf den,
dessen Botschaft sie weiterzugeben haben
und der sie handeln lässt.
Sie bleiben auf Gott bezogen Gott,
wissen sich in allem bei ihm aufgehoben
und bleiben sich so selber treu.

Wie sehr ich uns das wünsche
in unseren Befürchtungen,
Kalkulationen und Szenarien!
Wir dürfen hoffen,
Mut fassen,
nach vorne gehen –
hier und jetzt.

Mai 2021

„Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ (Sprüche 31,8)

In der Presbyteriumssitzung fiel dieses Mal einer Reihe von Mitgliedern etwas zum dem Vers ein. Ursprünglich stammt der Satz aus den Ratschlägen einer Mutter an ihren Sohn, der König wird; sie sagt ihm, was seine Aufgaben als Verantwortlicher für die Menschen ist. Was für eine Erinnerung an die Verantwortung der Herrschenden aller Zeiten!

Aber auch wir alle sollen Anwalt derer sein, die keine Stimme haben; dabei dachten viele an die Arbeit von Amnesty International und an die Situation von Geflüchteten weltweit. Und es gibt diese Menschen ja auch bei uns – in unserem Stadtteil, in unserer Nachbarschaft, in unserer Gemeinde. Die Kunst ist es eben gerade, sie nicht zu überhören, obwohl ihr Mund stumm (gemacht) ist.

 

Und Beate Engelke schrieb uns:

„Es hängt ja auch von meiner Sicht auf mich selber ab, ob ich mich eher zu den „Stummen und Schwachen “ zähle oder den „Anderen“. Oft ist dies nicht selbstgewählt, sondern durch den Ort meiner Geburt, die Geschichte unserer Familie u.ä. vorgeprägt.

Mir geht es eher so, dass ich mich zu denen rechne, die den Mund öffnen für die „Stummen“ und die, die schwach sind, öffne. Dies sehe ich als Geschenk, nicht als eigene Leistung.

Nachdem ich in vielen Projekten und Bereichen früher eher im Sinne des „für andere“ gehandelt habe, entdecke ich immer mehr das damit verbundene Gefälle und die fehlende Augenhöhe.

Angeregt auch durch meinen Mann entdecke ich, wie sinnvoll es ist, ins Gespräch MIT den sog.  Stummen zukommen, sie zu fragen, welche Anliegen ihnen wichtig sind – und wie “ nebenbei“ entstehen ganz neue, oft ungewohnte Begegnungen.

Ein kleines praktisches Beispiel: Als wir 2013 in unserer damaligen Gemeinde in einer Kleinstadt am Niederrhein uns für Geflüchtete einsetzen wollten, fragten wir bei einem Treffen viele von ihnen, was ihr zentrales Anliegen sei. Wir, die Einladenden, dachten dabei an unhaltbare Zustände in alten Wohncontainern, an fehlende Kleidung, an Ärger über Gutscheine statt Bargeld zum Einkaufen. Das Hauptanliegen der ca. Eingeladenen, rund 40 waren gekommen, war jedoch ein Angebot zum Deutschlernen, damals für Menschen im laufenden Asylverfahren, noch nicht vorgesehen. Gemeinsam mit Geflüchteten organisierten wir dann einen Spendenlauf und andere Aktionen, die Gemeinde konnte zwei Sprachlehrerinnen anstellen und dieses Anliegen bis heute vor Ort umsetzen.

Die „Stummen“ sind oft gar nicht so stumm und schwach!“

 

April 2021

„Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.“ (Kolosserbrief 1,15)

Irma Haake schreibt:
Zunächst fällt mir auf, dass hier nicht von Jesus gesprochen wird. Paulus benutzt sonst häufig die Zusammenstellung „Christus Jesus“, hier fällt der menschliche Name weg und es bleibt nur der Titel. Wenn der Begriff „Christus“ allein steht, drückt er für mich etwas Abstraktes, Ideelles aus. Es geht hier also wohl um eine Idee, um etwas Geistiges, Körperloses.
Weiterhin erscheint mir dann ein Widerspruch: Der unsichtbare Gott, für den es ein Bild gibt. Ein Bild ist sichtbar. Wie kann etwas Unsichtbares in einem Bild „eingefangen“ werden? Verliert es dadurch nicht seine wesentliche Eigenschaft? Ist es nicht gerade das besondere an Gott, dass er NICHT sichtbar ist? Warum braucht es ein Bild für ihn oder von ihm?
Und drittens stellt sich mir die Frage nach der Einheit von Gott und Christus, wenn Christus „geboren“ wurde, also nicht – wie Gott – ohne Anfang ist. Christus wird hier als Teil der Schöpfung bezeichnet, als etwas Geschaffenes. Gott kann nicht geschaffen sein.
Das widerspricht meiner Vorstellung von einem dreiEINigen Gott. Ich glaube an EINEN Gott, der in drei Formen wahrnehmbar ist, für die wir menschliche – und damit unzureichende – Bezeichnungen finden mussten. Aber es ist EIN Gott, der in keinem seiner Teile geschaffen wurde. Christus ist für mich eine Ausdrucksform des Göttlichen, die sich in Jesus mit dem Menschlichen verbunden hat.
Ach, wie gerne würde ich mit Paulus und denen, die in seinem Namen Briefe geschrieben haben, darüber streiten!!!

Und von Wilfried Seeger erreicht uns folgender Text:
Wir haben es hier mit dem Lied einer durch viele Bedrohungen gefährdeten und verunsicherten Gemeinde aus den Jahren zwischen 60 und 70 n.Chr. zu tun.
Die stand vor den Fragen: Was gilt jetzt? Was hat Bestand? Woran können wir uns noch halten?
Eine erste Strophe nennt Christus „Bild des unsichtbaren Gottes“,wobei „Bild“ so viel bedeutet wie Vermittler, Sohn bzw. Repräsentant des unsichtbaren Gottes:
In Christus haben wir es mit dem Schöpfer selbst zu tun. Ja, Christus wird als der Herr der Welt vorgestellt.
Die Welt und alles, was es gibt, ist von Christus her und empfängt allein von ihm her Sinn.
Eine solche Aussage leuchtet uns nicht unbedingt ein.
Den Menschen der frühen Gemeinden aber war sie verständlich. Warum?
Eine menschliche Grunderfahrung in dieser Zeit war die Angst. Beherrschend war die Ansicht, einem übermächtigen Schicksal oder an kosmische Mächte ausgeliefert zu sein.
Wenn nun von Christus gesagt wurde: er war vor aller Welt; alles ist letztlich auf ihn bezogen; er ist der Herr auch der kosmischen Mächte (Gestirne), so hörte man das als ein befreiendes, von Angst erlösendes Wort.
Alle Mächte, vor denen Irrlehrer Angst machen wollten, sind Christus untertan.
Als „Bild des unsichtbaren Gottes“ galt in der religiösen Umwelt die Welt selbst. Ängste, Mächte und Gewalten wurden dämonisiert, von Untergangspropheten bereitwillig zu Gottheiten aufgebaut, die alle Aufmerksamkeit erforderten.Wenn hier nun Christus als Bild des unsichtbaren Gottes bezeichnet wird, so steckt darin gezielte Kritik:
Nicht die Welt und die kosmischen Mächte sind „Bild“ Gottes, sondern der, durch den alles geschaffen ist.
Lassen wir das alte Lied auch in unsere Zeit singen, in der eine Pandemie alle Aufmerksamkeit bekommen will.
Unser Leben ist nicht einem Schicksal ausgeliefert und gehört nicht irgendwelchen „Mächten, Fürstentümern und Gewalten“, die sich wie Götzen aufspielen, die wir zu fürchten hätten.
Wir dürfen mit dem verbunden sein, der uns stark macht und Hoffnung schenkt – auch in dieser Zeit.

 

März 2021

„Jesus antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ (Lukas 19,40)

Guido Steffen schreibt dazu:

„Die Situation: Jesus kommt an „Palmsonntag“ nach Jerusalem. Viele Menschen auf der Straße sind begeistert, jubeln ihm zu. Nur die Pharisäer, also die etablierten Vertreter der Geistlichkeit, ärgern sich aus Neid, aus Angst vor einem Umstürzler, aus Furcht vor Veränderung über den Jubel der Menschen. Jesus sagt den Pharisäern: Ihr könnt machen, was ihr wollt. Selbst wenn ihr sie mundtot machen könntet – unterdrücken könnt ihr die Freude und den Jubel nicht. So unmöglich es ist, dass Steine schreien können, so unmöglich ist es, dass ihr Pharisäer die Menschen weiter unter der Knute halten könnt.

Vor Freude können Steine bestimmt nicht schreien. Vor Entsetzen, vor Enttäuschung, vor Angst sicher schon, wenn man die „schreienden Steine“ metaphorisch sieht. Die Ruinen eines von den Besatzern als Strafaktion zerstörten Dorfs; die Reste eines Vernichtungslagers; die Trümmer eines Foltergefängnisses, auch ein Denkmal wie das für den Holocaust hinterm Hotel Adlon in Berlin – wenn man diese grauenvollen Stätten sieht, kann man sich gut vorstellen, was die Menschen dort einst erleiden mussten. Dann scheinen die unbelebten Steine das Leiden der Menschen herauszuschreien.

Aber es auch Steine/Gebäude, die Freude ausdrücken: das Brandenburger Tor etwa, das Geburtshaus Beethovens zum Beispiel – und so gut wie jede schöne, gut gepflegte Kirche, die sich über einem vergleichsweise kleinen Dorf erhebt. Dann schreit ihr Stein die Freude der Erbauer und ihrer Hüter über ihren Glauben, ihre Gemeinschaft und ihren Schöpfer in die Welt. Könnte das ein Leitgedanke für die Sanierung und Modernisierung unserer Stadtkirche in Chorweiler sein?“

Und Marion Bauer:

Ich interpretiere es so: Wir sollen nicht schweigen sondern den Mund auftun, wenn Unrecht geschieht. Nicht nach dem Prinzip der Affen handeln: Nicht hören, nicht sprechen, nicht sehen.     Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es manchmal viel Kraft kosten kann, gegen   die Meinung der Allgemeinheit zu sprechen.

Zu dieser Kenntnis erlangte ich, als ich  in den jungen Jahren in der Kölner Schildergasse jeden 2. freien Samstagmorgen Unterschriften gegen unnötige Tierversuche gesammelt   habe.  Es war sehr anstrengend, die großen Schilder und Stelltafeln mit Laborfotos in die Fußgängerzone zu schleppen und aufzustellen.                                                                                                                            Die Diskussionen mit Menschen anderer Meinung wer sehr aufreibend und anstrengend.   Doch wenn man 100 % dahinter steht, ist es auch wiederum befriedigend und   erfüllend, Mitmenschen mit Argumenten zum Nachdenken und vielleicht dadurch   etwas in Schwung gebracht zu haben.

Es gibt so viel zum Einbringen und Einmischen z. B die Verschmutzung der Erde, für Fluchtsuchenden, gegen Kinderarbeit oder Tierschutz, eine Liste fast ohne Ende.

Man hat nicht immer die Kraft dazu den Mund aufzutun, aber manchmal reicht es schon   einzugreifen, wenn z. B. im Bekanntenkreis blöde Witze über  Minderheiten gemacht werden.   Jeder kann ein bisschen einbringen; so ergibt es auch zusammen ein großes Ganzes.                           Ich bewundere die Umweltaktivistin Greta Thunberg, die ihre volle Kraft für den  Umweltschutz einsetzt. Bei ihr brauchen keine Steine zu schreien.

 

Februar 2021

„Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ (Lukas-Evangelium 10,20)

Im Presbyterium löste der Vers mehrere Äußerungen der Freude aus: Ein wunderbares Bild, eine großartige Perspektive, ein tröstender Zuspruch, ein beliebter Taufspruch, aber auch sehr gut für Beerdigungsansprachen geeignet. Pfarrer Wilfried Seeger erläuterte zum Ursprungszusammenhang des Verses, dass die Jünger zu Jesus zurückgekehrt waren, nachdem dieser sie für eine Zeit ausgesandt hatte, um in seinem Namen zu wirken; und sie erzählen von Schwierigkeiten auch auch voller Begeisterung, was ihnen alles gelungen ist – und Jesus freut sich mit und fügt dann diesen Satz hinzu, was ja bedeutet, dass unser Wert und unsere Würde bei Gott auch unabhängig von unseren Erfolgen begründet ist.

Außerdem schrieb noch Gudrun Lanfer:
Mein Name gehört zu mir, er macht mich unverwechselbar bei den Menschen und auch bei Gott.
Gott kennt mich besser als ich mich kenne.
Für ihn bin ich und wir Menschen jeder Einzelne etwas Besonderes.
Gottes Haus hat viele Wohnungen.
Unsere Namen sind im Himmel verzeichnet und Gottes Wort ist in unser Herz eingepflanzt.
Wenn das kein Grund zur Freude ist!

Januar 2021

Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“
Herr lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes. (Psalm 4,7)

Im Monatsspruch Januar ist die Rede vom Antlitz Gottes.

Ich habe mir die Frage gestellt wie für mich das Antlitz Gottes aussehen mag.

Ich sehe ein neutrales, gutmütiges und helles Gesicht mit viel Verständnis für die Schöpfung. Vielleicht auch einen wunderschönen Wald mit dem erfrischenden Duft des Waldbodens oder einen bunt blühenden Garten.

Ich kann mir auch das Gesicht eines neugeborenen Kindes darunter vorstellen. Als ich meine zwei Enkelkinder kurz nach der Geburt in meinen Armen hielt, da hatte ich diese Assoziationen, es waren für mich die schönsten Momente. Nicht umsonst spricht man ja vom Engelslächeln.

So hat wohl jeder eine andere Vorstellung vom Antlitz Gottes.

(Marion Bauer)

 

Henry Nouwen ,der in einer großen Krise Hilfe in einem Trappistenkloster suchte,wurde vorgeschlagen, über den Satz : Ich bin die Herrlichkeit Gottes“ zu meditieren.

Trauen wir uns zu, die Herrlichkeit Gottes ,dieses Potential, das uns zugesagt ist, aus uns heraus sichtbar zu machen.

(Maria Oser)

 

Von wem erwartet man, dass es einem gut geht? Warten gibt einem schon ein Gefühl von Abhängigkeit.
Ein Satz, den ich neulich gelesen habe:
„Sklave ist, wer darauf wartet, dass jemand kommt und ihn befreit.“ (Esra Pound)
…. Und dann kann dieser „eine“ auch ‚“etwas“ sein, zum Beispiel Sicherheit oder Anerkennung, einfach etwas, wonach man verlangt oder was einem fehlt oder was man loswerden möchte.

Und das Großartige vom zweiten Satz (über den Segen, der so oft in der Kirche gegeben wird) erfahre ich, ins Hier und Jetzt übersetzt, als ein strahlendes Gesicht, mit dem ich (auch im Spiegel) in Liebe angeschaut werde, mit nur einer Botschaft: Dir fehlt nichts, alles ist da, glaube es. Deine Geburt war ein Wunder; du bist noch immer ein Wunder. Dein Leben ist einzigartig. Versuche dies zu spüren, versuche zu fühlen, dass es, in diesem Moment, okay ist. Vertraue darauf, dass wenn Schmerz anerkannt wird, (auch jetzt mit Corona), das Leid dann eine andere, universale Bedeutung bekommt, die dich verbindet mit allen Lebewesen… – und dass man Freude und Leid zusammen tragen kann; aus Leid kann Freude entstehen.
Dieses hoffnungsvolle Gesicht kann man für einander sein. Wenn nicht wir selber für uns und einander gut sind, wo würde Gott wirken können?

(Martha Veurink)

 

Die Jahreslosung für 2021 lautet

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

Folgende Gedanken haben uns hierzu erreicht:

Seid barmherzig- wenn Brücken zu Menschen abgebrochen sind und findet wieder Wege zu einander.
Seid barmherzig- mit Vorurteilen, überdenkt eure Meinung und seid offen für den Dialog.
Seid barmherzig- gegenüber Ungläubigen und ladet ein zum Gespräch.
Seid barmherzig- auch wenn Corona uns aktuell isoliert. Helft damit deinen Liebsten und der Gesellschaft.
Seid barmherzig-und gütig und vertraut auf die Liebe Gottes.

(Sabine Vaupel)

Als ich die Jahreslosung hörte, dachte ich mir: „Hmmm – was ist Barmherzigkeit eigentlich genau? Ich nutze dieses Wort in meinem aktiven Wortschatz nie.“ Ich höre es auch nie in Gesprächen. Wenn nicht darüber gesprochen wird (außer in der Bibel oder anderen religiösen Kontexten), existiert sie dann überhaupt und wenn ja, was ist das genau?

Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Barmherzigkeit) gibt einem ein paar ganz brauchbare Definitionen. Hier fallen Beschreibungen, wie „Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an.“, „tätige Nächstenliebe“ oder in Abgrenzung zum Mitleid als einfache Charaktereigenschaft „eine existenzielle Betroffenheit im Innersten und ein Tun, das mehr ist als bloßes Gefühl des Mitleidens“.

Man kann als barmherziger Mensch demnach nicht anders, als Handeln bei fremder Not.

Da wird ja ganz schön viel verlangt, denke ich mir. Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich nicht barmherzig genug bin? Gibt es ein Maß für ausreichende Barmherzigkeit? An der Stelle komme ich nicht weiter, also schaue ich mir die zweite Hälfte der Losung an: „…wie auch euer Vater barmherzig ist!“. Damit kann ich schon mehr anfangen. Ja, barmherzig ist er – zumindest spüre ich das für mich in ganz vielen Zusammenhängen. Ich fühle mich von Gott getragen – durch dieses ganze Jahr 2020 und darüber hinaus. Ich nehme die ganze Großzügigkeit wahr, die diese Erde für uns Menschen birgt. Sie ist unendlich. Und das ist nur ein Ausschnitt dessen, was Gottes Barmherzigkeit ausmacht. Zu Gottes Barmherzigkeit würde sicher vielen Menschen noch ganz andere Dinge einfallen.

Und das soll ich auch leisten?

Ich nehme die Losung mit ins Jahr 2021 und finde mich erst mal damit ab, dass meine Barmherzigkeit Grenzen hat. Aber wie das so ist mit der selektiven Wahrnehmung – manchmal muss man einen Gedanken erst mal eine Weile mit sich herum tragen und immer wieder hervorholen, bevor sich das Denken in Handeln überträgt. Das wünsche ich mir jedenfalls: ein wenig mehr Barmherzigkeit auf der Welt, und warum auch selbst etwas mehr dazu beitragen?

(Martina Hanke)

 

Leider wird das Wort „barmherzig“ nicht mehr so oft in unserem alltäglichen Sprachgebrauch angewandt, obwohl es einen schönen warmen Wortklang hat.

Ich verstehe unter barmherzig, dass wir großherzig, nachsichtig tolerant und freizügig sein sollten, ohne Vorurteile mitfühlen.
Kein Mitleid, Mitleid lähmt doch Mitgefühl hilft.
In barmherzig steckt auch das Wort „Herz“.
Also mit dem Herzen sehen, so möchte ich es interpretieren.

Dabei fällt mir das Zitat von Antoine de Saint Exupery ein „man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Also lasst uns nicht nur im Jahr 2021 Anteil nehmen, an denen die Not und Leid erfahren und nach unseren individuellen Möglichkeiten mit Toleranz, Großherzigkeit und Mitgefühl, also mit Barmherzigkeit handeln.

(Marion Bauer)

 

Dezember 2020

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7)

„Der Dezemberspruch ist für mich klar verständlich.
Der Schlusssatz hat mich jedoch zu stärkerem Nachdenken veranlasst:

„und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7)

Man spricht eigentlich nur vom Fleisch und Blut, wenn man seine Kindern oder Enkelkinder meint.
Doch in der Dezemberbotschaft wird mir besonders klar, dass damit nicht nur die eigene Familie gemeint ist, sondern die gesamte Menschheit.
Wir alle sind Brüder und Schwestern. Doch richte „ich“ oder „wir“ uns auch danach?

Unsere Brüder und Schwestern sind in einigen Ländern zu tausende in Kriegswirren
verstrickt, doch Deutsche Rüstungsexporte sind in Staaten außerhalb Europa und Nato stark gestiegen.
Auch Fluchtsuchende ertrinken im Meer, warten auf unsere Hilfe.

Doch auch ich selbst verhalte mich oft nicht richtig,
nehme keinen Obdachlosen auf, gehe manchmal in Eile beim Bettler vorbei.
Bin ich deswegen kein Christ?
Ich hoffe doch, denn alleine kann man nicht die ganze Welt retten.
Wenn jedoch jeder versucht nach seinen Möglichkeiten kleine gute Zeichen zu setzten, Menschen und Natur in der Gesamtheit zu respektieren, dann kommen wir vereint dem Monatsspruch Dezember und den Sinn des Weihnachtsfestes etwas näher.“

(von Marion Bauer)

 

November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten (Jeremia 31, 9)

… ein Satz, der in den November mit seinen Totengedenken etc. passt.
In der Presbyteriumssitzung kam sofort die Erinnerung an eine Beerdigung, die gerade viele Menschen bewegt hat und die Erfahrung aufwirft, dass einem manchmal gar nichts Tröstliches einfallen will. Manchmal kann man nicht viel mehr machen, als einfach nur da zu sein und mit auszuhalten. Auch die Situation des Volkes Israel zur Zeit Jeremias war trostlos und dennoch erinnert der Prophet an bessere Zeiten und sagt zu, dass die auch wieder kommen werden. Mir auch in traurigen Situationen zu sagen / sagen zu lassen, dass Gott noch etwas mit mir vor hat, das kann einem vielleicht dabei helfen, den Blick ein wenig über den gerade eingeengten „Tellerrand“ zu heben.

Uns erreichten noch zwei schriftliche Beiträge – vielen Dank dafür!

Elke Boll schreibt:
„Sofort kam mir Corona in den Sinn – im Frühjahr die vielen Toten und die schrecklichen Bilder aus Italien. Wird uns das jetzt im Herbst/Winter hier in Deutschland auch drohen? Bekommen wir die Krise in den Griff? Warum halten sich die Menschen nicht an so einfache Regeln, wie AHA, die uns ein Überleben ermöglichen? Sind wir so sehr von uns selbst überzeugt, dass wir schon nicht erkranken?
Wenn jeder einen kennt, der an dem Virus gestorben ist, dann wird jeder weinen können. Doch gibt es dann noch jemanden, der uns trösten kann? Ist es dann nicht zu spät? Solange es keinen Impfstoff gibt, wird dieses Virus unser Leben begleiten, wie die Pest die Menschen im Mittelalter begleitet hat. Aber das hat Jeremia bestimmt nicht gemeint.“

Und Marion Bauer meint:
„Diese Aussage ist beruhigend.
Ich glaube vor dem Jüngsten Gericht sind wir alle nicht ohne Makel, aber wir brauchen trotzdem keine Angst zu haben.
Es ist beruhigend zu wissen, dass wir getröstet und geleitet werden. Unter „geleitet“ stelle ich mir vor, dass uns dann der rechte Weg gezeigt wird. Gott liebt nicht die Sünden, aber den Sünder.
Angst lähmt nur, sie wirkt kraftlos bringt keine neuen Impulse, keine Ideen und keinen Fortschritt, keine Hoffnung.
Doch das gerade brauchen wir dringend in einer Kirchengemeinde. Nicht umsonst heißt diese Gemeinde ‚Hoffnungsgemeinde‘.“

 

Oktober 2020

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl“ (Jeremia 29,7)

Pfarrer Wilfried Seeger beschrieb beim gemeinsamen Austausch zu dem Spruch in der Presbyteriumssitzung die Situation, in der dieser Satz in der Bibel verankert ist: Das Volk Israel war fern ab der Heimat, in einer fremden Umgebung; man wollte treu bleiben, sich nicht anpassen an die neuen Verhältnisse. Und da rät der Prophet Jeremia: Doch, lass euch auf die neue Situation ein, macht das Beste draus; auch in der Fremde will Gott, dass Ihr euch an ihn wendet.“ Da kam einigen im Presbyterium natürlich unsere aktuelle Situation in den Sinn: Eine neue Situation durch Corona, das Gefühl von Fremdheit, weil vieles Gewohnte und Geschätzte (was manchmal gar nicht so bewusst ist), jetzt nicht geht; und dann dennoch versuchen, die Situation anzunehmen, weil Gott auch in der Fremde gesucht werden kann und sich finden lassen will!
Und jemand meinte noch: “Suchet der Stadt Bestes“: Genau, wenn die Infektionszahlen für Köln besser werden (und wir dazu beigetragen haben), wirkt sich das auch positiv auf jeden einzelnen aus.

Marion Bauer hat uns dazu folgendes geschrieben: Ich habe beim Lesen der Monatslosung direkt an das Kölsche Lied gedacht:
En unserem Veedel
Wie soll dat nur wigger jon? Wat bliev dann hück noch ston?
Die Hüsjer un Jasse, die Stündcher beim Klaafe. Es dat vorbei?

En d’r Weetschaff op d’r Eck ston die Männer an d’r Thek‘,
Die Fraulückcher setze beim Schwätzje zosamme. Es dat vorbei?

Uns Pänz, die spelle nit em Jras, un fällt ens einer op de Nas:
Die Bühle un Schramme, die fleck m’r zesamme. Dann es et vorbei.

Wat och passeet, dat Eine es doch klor:
Et Schönste, wat mer han schon all die lange Johr
es unser Veedel, denn he hält mer zesamme,
ejal wat och passeet. En unserem Veedel.

Dat es doch klor, mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr,
en unserem Veedel,denn he hält mer zesamme,
ejal wat och passeet. En unserem Veedel.
Im Liedtext steht sehr viel, was Menschen in der Stadt wohl tut, besonders in der jetzigen Zeit. Trotz Corona Zeit wünsche ich mir einen Zusammenhalt, Anteilnahme für Mitmenschen und zwischendurch „Stündchen beim Klaave“ (Natürlich mit Maske und Abstand). Wir sitzen alle im gleichen Boot, mehr oder weniger. Wie sagt das Sprichwort: Geteiltes Leid ist halbes Leid. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch allen ein gutes Durchkommen in dieser Zeit.

 

September 2020

„Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.“ (2. Korinther 5,19)

Als im Presbyterium darüber gesprochen wurde, war die erste Reaktion, dass es da ja wohl ein Problem, eine Kluft, einen Graben geben muss – zwischen Gott und den Menschen. Und über eine solche unüberwindbare Schlucht hat Gott also quasi eine Brücke geschlagen zu den Menschen – in der Person von Jesus. „Die Welt“ selber konnte das offenbar nicht hin bekommen; und doch kommt es jetzt auch darauf an, dass wir in die Versöhnung auch einwilligen.
Im Abendgottesdienst in Worringen und Merkenich haben sich die GottesdienstbesucherInnen dazu in die Geschichte vom verlorenen Sohn hineinversetzt – die man auch die Geschichte vom liebenden Vater nennen könnte – und dabei erfahren, wie schön und wie schwierig das manchmal mit der Versöhnung ist.
(Volker Hofmann-Hanke)

Darüber hinaus erreichten uns folgende Rückmeldungen:

Oft holen mich meine alten Verhaltensweisen und Charaktermängel ein und ich spüre die Schwere in mir.
Zum Glück gibt es immer einen neuen und besseren Weg,
denn Gott vergibt mir meine Verfehlungen und schenkt mir Liebe, Frieden und Ausgeglichenheit.
Ich brauche nur von Herzen bitten und Danke sagen.

Blaise Pascal schreibt:
Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann,
wenn wir sie ihm ganz überlassen. (Seite 585 im evangelischen Gesangbuch)
(Gudrun Lanfer)

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat
Ach Paulus,
warum musst du immer so verschwurbelt daher reden, wenn es um die Bedeutung dessen geht, was Christus für uns getan hat? Das versteht doch niemand!
Dabei kannst du so wunderbar poetische Texte schreiben: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“ Das ist so klar und jede*r versteht, was du sagen willst.
Warum dann dieser komisch verdrehte Satzbau? Und was meinst du mit „in Christus versöhnt“? Ich verstehe das einfach nicht: Siehst du Christus als Mittel zum Zweck?
Könnte es sein, dass du selber nicht wirklich kapierst, wovon du redest? Vielleicht ist das für uns Menschen einfach nicht verständlich? Und damit nicht jede*r mitbekommt, dass du auch deine Verständnis-Grenzen hast, wenn es um Gott und Christus, um Versöhnung und Gnade geht, redest du so verquer. Dann staunen alle, weil sie glauben, du müsstest ja unglaublich klug sein, wenn du so schwierige Sachen sagen kannst. Und keine*r merkt, dass du doch selbst nur ein kleines dummes Menschlein bist.
(Irma Haake)

Heute hat der Monatsspruch für mich eine besondere Bedeutung.
Meine Nichte hat heute in der Schweiz geheiratet, es war eine internationale, deutsch jüdische Hochzeit unter Corona Bedingungen.
Leider habe ich persönlich nicht teilnehmen können, aber konnte anhand vieler Bilder und eines Filmchens während der Trauung doch ein wenig die Atmosphäre fühlen.
In Hinblick auf Versöhnung ist es doch schön zu sehen, dass innigste Verbindungen gerade zwischen Deutschland und Israel stattfinden.
Dabei hat der „Geist Gottes“ bestimmt eine Rolle gespielt!
(Sabine Assmann)

 

August 2020

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“(Psalm 139, 14)

Wir haben zu Beginn der Presbyteriumssitzung über diesen Satz gesprochen und viele Äußerungen gingen in die Richtung, wie wunderbar die Natur ist – und wie bedroht. Es wurde zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die Bäume vor lauter Trockenheit bereits jetzt ihre Blätter verlieren. In dem Satz kommt auch ein gewisses Staunen zum Ausdruck. Vielleicht wäre es wichtig, das Staunen über die Wunder der Schöpfung immer wieder neu zu lernen – auch um uns Menschen in unserem Handeln selber Grenzen zu setzen.
(Volker Hofmann-Hanke)

Und Irma Haake schreibt:
Bin ich wunderbar gemacht? Ich, mit all meinen körperlichen und seelischen Ecken und Kanten? Mit meinen Rückenschmerzen und mit meiner Sturheit und meiner Besserwisserei? Das ist gar nicht so einfach, einfach zu sagen: Ich bin wunderbar gemacht!
Aber der Satz hört an der Stelle nicht auf, der Psalmist führt diesen Satz fort: Gottes Werke sind wunderbar – alle. Es gibt keine Ausnahme, kein „wunderbar sind deine Werke – außer Irma Haake“. Es geht nicht um mich. Es geht ums Ganze. Alles ist Gottes Werk und alle Werke Gottes sind wunderbar, auch mit den Anteilen, die uns als Menschen stören mögen.
Auch das ist nicht so einfach auszusprechen in Corona-Zeiten, denn das heißt ja: Wunderbar sind deine Werke, auch das Corona-Virus. Wunderbar wie alles, wie Sonne, Mond und Sterne, wie Wälder und Flüsse und Berge und das Meer. Das Corona-Virus ist (wie viele andere Teile der Schöpfung auch) für uns Menschen unangenehm, angstmachend, schmerzhaft, todbringend. Aber als natürliches Wesen, als Werk Gottes ist es wunderbar und von – wie ich finde – fast überirdischer Schönheit.
Dass es uns schmerzt, dass es uns Angst macht, dass wir es als Störung, als schlecht und böse sehen, das ist menschlich. Es wäre merkwürdig, wenn es nicht so wäre. Auch ich möchte nicht an CoVid-19 erkranken und ich leide, wenn ich mich an die Bilder von Bergamo erinnere. Es erschreckt mich sehr und ich bin voller Mitgefühl, wenn Bekannte mir von ihnen nahestehenden Menschen erzählen, die schwer erkrankt sind. Darum setze ich meine Maske auf und halte Abstand und wasche und desinfiziere meine Hände zig-mal am Tag. Aber: Das ist meine menschliche Sicht auf das, was ich als Mensch als Ecken und Kanten in Gottes Schöpfung empfinde.
Und doch: Manchmal schaffe ich es, die Angst und die Sorgen und den Schmerz beiseite zu schieben, mich etwas neben mich selbst zu stellen und wie der Psalmist tief in meiner Seele zu erkennen, wie großartig es ist, dass ich und dieses Virus stimmige, lebendige und wunderbare Teile in Gottes Gesamtwerk sind. Wenn ich das erkennen kann, dann entsteht das Gefühl der Dankbarkeit und mir fällt ein altes Lied ein:
„Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“

 

Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an
und sprach: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,7)

Dazu schreibet Martha Veurink:
Ein wunderbare Satz der ‚Appetit‘ macht:
Bei Hoffnungslosigkeit gibt es in greifbarer Nähe, auf Augenhöhe sichtbar, ‚verdaubares Essen‘, passende Hilfe. Und es gibt einen Aus-Weg, Schritt für Schritt.
Aber auch in Freude über meinen unbekannten Lebensweg (bei dem man auch mal müde sein oder in die Irre gehen kann) ist die Dankbarkeit wie der Speichel : Diese geschenkte Nahrung – sowohl Gottes Natur in der Form von Essen als Gottes Wort, in dem Menschen sich ausdrück(t)en – gibt große Kraft. Und dadurch kann ich unterwegs meine Aufmerksamkeit vergrößern und viel erleben.

Und Irma Haake schenkt uns folgende Erfahrung:
Statt reflektierter Gedanken zu dieser Losung bekommt ihr von mir meine eigene „Steh auf und iss!“- Geschichte:
„Ich hole jetzt Brötchen und dann gibt es Frühstück!“ – Das waren die Worte meines Bruders am Morgen nach der Nacht, in der Hartmut, mein Mann, gestorben war. Mein erster Gedanke war: „Frühstück? Essen? Was ist das? Und warum soll ich das tun?“ Die letzten Stunden hatte ich neben meinem Mann gelegen. Gefühle und Gedanken waren über mich hergefallen, so wie ich es mir vorher nicht hatte vorstellen können. Und sie hatten mich in eine andere Welt katapultiert – eine Welt, die nichts mit dem „normalen Alltag“ zu tun hatte und in die essen und trinken, einkaufen und Tisch decken nicht passten. Wäre ich allein gewesen, dann wäre ich wohl liegen geblieben oder hätte mich vielleicht irgendwann in den Sessel neben dem Bett gesetzt. Möglich, dass ich im Laufe des Tages daran gedacht hätte, einen Bestatter anzurufen. Aber etwas essen? Das schien so unwirklich und vollkommen unwichtig.
Und dann stand da dieser Engel in Gestalt meines Bruders im Zimmer und sagte: „Ich hole jetzt Brötchen und mache Frühstück!“ Das ergab für mich zunächst überhaupt keinen Sinn. Mir fiel der Spruch ein: „Gut essen hält Leib und Seele zusammen“, und ich dachte, wie blöd und abgedroschen dieser Satz ist, und dass ich nichts essen will, und noch im Moment dieser Abwehr wurde mir klar, dass genau das jetzt aber meine Aufgabe war: Leib und Seele zusammenzuhalten, weil sie auseinanderzufallen drohten. Und ich spürte ebenfalls, dass es ein weiter Weg würde, die verschiedenen Gefühle und Empfindungen, die mit der Trauer entstehen, zusammenzubringen mit den Anforderungen der Alltagswelt und wieder zu „funktionieren“.
Anders als Elia hatte ich anschließend keine Gottesbegegnung, aber ich hatte das große Glück, nicht nur einem, sondern vielen Engeln zu begegnen: Meinem Bruder und meiner Schwägerin, die für das erste Frühstück sorgten und mir klar machten, dass ich aufstehen müsse; meiner Nachbarin, die den Müll wegbrachte und den Garten wässerte; meiner Freundin, zu der ich jederzeit gehen konnte; den vielen Bekannten, denen ich die Geschichte von Hartmuts Sterben immer wieder und noch einmal erzählen durfte und schließlich, Jahre später und bis heute immer wieder, meinem Mann Jörg.