Der Monatsspruch – eine Einladung zum Dialog

Der Monatsspruch – eine Einladung zum Dialog

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7)

Das ist der Monatsspruch für den Monat Dezember. Alle sind eingeladen, ihre Gedanken zum jeweiligen Montagsspruch per E-Mail an Pfarrer Hofmann-Hanke (hofmann-hanke@hoffnungsgemeinde-koeln.de) zu senden. Wer keinen Internet-Zugang hat, kann seine Anmerkungen per Post dem Gemeindebüro bzw. Pfarrer Hofmann-Hanke schicken. Die eingesandten Gedanken und Anregungen werden zu einem Newsletter verarbeitet, auf die Internet-Seite der Gemeinde gestellt, allen Interessenten per E-Mail oder als Brief geschickt oder auf unserer Facebookseite veröffentlicht.

 

November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten (Jeremia 31, 9)

… ein Satz, der in den November mit seinen Totengedenken etc. passt.
In der Presbyteriumssitzung kam sofort die Erinnerung an eine Beerdigung, die gerade viele Menschen bewegt hat und die Erfahrung aufwirft, dass einem manchmal gar nichts Tröstliches einfallen will. Manchmal kann man nicht viel mehr machen, als einfach nur da zu sein und mit auszuhalten. Auch die Situation des Volkes Israel zur Zeit Jeremias war trostlos und dennoch erinnert der Prophet an bessere Zeiten und sagt zu, dass die auch wieder kommen werden. Mir auch in traurigen Situationen zu sagen / sagen zu lassen, dass Gott noch etwas mit mir vor hat, das kann einem vielleicht dabei helfen, den Blick ein wenig über den gerade eingeengten „Tellerrand“ zu heben.

Uns erreichten noch zwei schriftliche Beiträge – vielen Dank dafür!

Elke Boll schreibt:
„Sofort kam mir Corona in den Sinn – im Frühjahr die vielen Toten und die schrecklichen Bilder aus Italien. Wird uns das jetzt im Herbst/Winter hier in Deutschland auch drohen? Bekommen wir die Krise in den Griff? Warum halten sich die Menschen nicht an so einfache Regeln, wie AHA, die uns ein Überleben ermöglichen? Sind wir so sehr von uns selbst überzeugt, dass wir schon nicht erkranken?
Wenn jeder einen kennt, der an dem Virus gestorben ist, dann wird jeder weinen können. Doch gibt es dann noch jemanden, der uns trösten kann? Ist es dann nicht zu spät? Solange es keinen Impfstoff gibt, wird dieses Virus unser Leben begleiten, wie die Pest die Menschen im Mittelalter begleitet hat. Aber das hat Jeremia bestimmt nicht gemeint.“

Und Marion Bauer meint:
„Diese Aussage ist beruhigend.
Ich glaube vor dem Jüngsten Gericht sind wir alle nicht ohne Makel, aber wir brauchen trotzdem keine Angst zu haben.
Es ist beruhigend zu wissen, dass wir getröstet und geleitet werden. Unter „geleitet“ stelle ich mir vor, dass uns dann der rechte Weg gezeigt wird. Gott liebt nicht die Sünden, aber den Sünder.
Angst lähmt nur, sie wirkt kraftlos bringt keine neuen Impulse, keine Ideen und keinen Fortschritt, keine Hoffnung.
Doch das gerade brauchen wir dringend in einer Kirchengemeinde. Nicht umsonst heißt diese Gemeinde ‚Hoffnungsgemeinde‘.“

 

Oktober 2020

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl“ (Jeremia 29,7)

Pfarrer Wilfried Seeger beschrieb beim gemeinsamen Austausch zu dem Spruch in der Presbyteriumssitzung die Situation, in der dieser Satz in der Bibel verankert ist: Das Volk Israel war fern ab der Heimat, in einer fremden Umgebung; man wollte treu bleiben, sich nicht anpassen an die neuen Verhältnisse. Und da rät der Prophet Jeremia: Doch, lass euch auf die neue Situation ein, macht das Beste draus; auch in der Fremde will Gott, dass Ihr euch an ihn wendet.“ Da kam einigen im Presbyterium natürlich unsere aktuelle Situation in den Sinn: Eine neue Situation durch Corona, das Gefühl von Fremdheit, weil vieles Gewohnte und Geschätzte (was manchmal gar nicht so bewusst ist), jetzt nicht geht; und dann dennoch versuchen, die Situation anzunehmen, weil Gott auch in der Fremde gesucht werden kann und sich finden lassen will!
Und jemand meinte noch: “Suchet der Stadt Bestes“: Genau, wenn die Infektionszahlen für Köln besser werden (und wir dazu beigetragen haben), wirkt sich das auch positiv auf jeden einzelnen aus.

Marion Bauer hat uns dazu folgendes geschrieben: Ich habe beim Lesen der Monatslosung direkt an das Kölsche Lied gedacht:
En unserem Veedel
Wie soll dat nur wigger jon? Wat bliev dann hück noch ston?
Die Hüsjer un Jasse, die Stündcher beim Klaafe. Es dat vorbei?

En d’r Weetschaff op d’r Eck ston die Männer an d’r Thek‘,
Die Fraulückcher setze beim Schwätzje zosamme. Es dat vorbei?

Uns Pänz, die spelle nit em Jras, un fällt ens einer op de Nas:
Die Bühle un Schramme, die fleck m’r zesamme. Dann es et vorbei.

Wat och passeet, dat Eine es doch klor:
Et Schönste, wat mer han schon all die lange Johr
es unser Veedel, denn he hält mer zesamme,
ejal wat och passeet. En unserem Veedel.

Dat es doch klor, mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr,
en unserem Veedel,denn he hält mer zesamme,
ejal wat och passeet. En unserem Veedel.
Im Liedtext steht sehr viel, was Menschen in der Stadt wohl tut, besonders in der jetzigen Zeit. Trotz Corona Zeit wünsche ich mir einen Zusammenhalt, Anteilnahme für Mitmenschen und zwischendurch „Stündchen beim Klaave“ (Natürlich mit Maske und Abstand). Wir sitzen alle im gleichen Boot, mehr oder weniger. Wie sagt das Sprichwort: Geteiltes Leid ist halbes Leid. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch allen ein gutes Durchkommen in dieser Zeit.

 

September 2020

„Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.“ (2. Korinther 5,19)

Als im Presbyterium darüber gesprochen wurde, war die erste Reaktion, dass es da ja wohl ein Problem, eine Kluft, einen Graben geben muss – zwischen Gott und den Menschen. Und über eine solche unüberwindbare Schlucht hat Gott also quasi eine Brücke geschlagen zu den Menschen – in der Person von Jesus. „Die Welt“ selber konnte das offenbar nicht hin bekommen; und doch kommt es jetzt auch darauf an, dass wir in die Versöhnung auch einwilligen.
Im Abendgottesdienst in Worringen und Merkenich haben sich die GottesdienstbesucherInnen dazu in die Geschichte vom verlorenen Sohn hineinversetzt – die man auch die Geschichte vom liebenden Vater nennen könnte – und dabei erfahren, wie schön und wie schwierig das manchmal mit der Versöhnung ist.
(Volker Hofmann-Hanke)

Darüber hinaus erreichten uns folgende Rückmeldungen:

Oft holen mich meine alten Verhaltensweisen und Charaktermängel ein und ich spüre die Schwere in mir.
Zum Glück gibt es immer einen neuen und besseren Weg,
denn Gott vergibt mir meine Verfehlungen und schenkt mir Liebe, Frieden und Ausgeglichenheit.
Ich brauche nur von Herzen bitten und Danke sagen.

Blaise Pascal schreibt:
Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann,
wenn wir sie ihm ganz überlassen. (Seite 585 im evangelischen Gesangbuch)
(Gudrun Lanfer)

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat
Ach Paulus,
warum musst du immer so verschwurbelt daher reden, wenn es um die Bedeutung dessen geht, was Christus für uns getan hat? Das versteht doch niemand!
Dabei kannst du so wunderbar poetische Texte schreiben: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“ Das ist so klar und jede*r versteht, was du sagen willst.
Warum dann dieser komisch verdrehte Satzbau? Und was meinst du mit „in Christus versöhnt“? Ich verstehe das einfach nicht: Siehst du Christus als Mittel zum Zweck?
Könnte es sein, dass du selber nicht wirklich kapierst, wovon du redest? Vielleicht ist das für uns Menschen einfach nicht verständlich? Und damit nicht jede*r mitbekommt, dass du auch deine Verständnis-Grenzen hast, wenn es um Gott und Christus, um Versöhnung und Gnade geht, redest du so verquer. Dann staunen alle, weil sie glauben, du müsstest ja unglaublich klug sein, wenn du so schwierige Sachen sagen kannst. Und keine*r merkt, dass du doch selbst nur ein kleines dummes Menschlein bist.
(Irma Haake)

Heute hat der Monatsspruch für mich eine besondere Bedeutung.
Meine Nichte hat heute in der Schweiz geheiratet, es war eine internationale, deutsch jüdische Hochzeit unter Corona Bedingungen.
Leider habe ich persönlich nicht teilnehmen können, aber konnte anhand vieler Bilder und eines Filmchens während der Trauung doch ein wenig die Atmosphäre fühlen.
In Hinblick auf Versöhnung ist es doch schön zu sehen, dass innigste Verbindungen gerade zwischen Deutschland und Israel stattfinden.
Dabei hat der „Geist Gottes“ bestimmt eine Rolle gespielt!
(Sabine Assmann)

 

August 2020

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“(Psalm 139, 14)

Wir haben zu Beginn der Presbyteriumssitzung über diesen Satz gesprochen und viele Äußerungen gingen in die Richtung, wie wunderbar die Natur ist – und wie bedroht. Es wurde zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die Bäume vor lauter Trockenheit bereits jetzt ihre Blätter verlieren. In dem Satz kommt auch ein gewisses Staunen zum Ausdruck. Vielleicht wäre es wichtig, das Staunen über die Wunder der Schöpfung immer wieder neu zu lernen – auch um uns Menschen in unserem Handeln selber Grenzen zu setzen.
(Volker Hofmann-Hanke)

Und Irma Haake schreibt:
Bin ich wunderbar gemacht? Ich, mit all meinen körperlichen und seelischen Ecken und Kanten? Mit meinen Rückenschmerzen und mit meiner Sturheit und meiner Besserwisserei? Das ist gar nicht so einfach, einfach zu sagen: Ich bin wunderbar gemacht!
Aber der Satz hört an der Stelle nicht auf, der Psalmist führt diesen Satz fort: Gottes Werke sind wunderbar – alle. Es gibt keine Ausnahme, kein „wunderbar sind deine Werke – außer Irma Haake“. Es geht nicht um mich. Es geht ums Ganze. Alles ist Gottes Werk und alle Werke Gottes sind wunderbar, auch mit den Anteilen, die uns als Menschen stören mögen.
Auch das ist nicht so einfach auszusprechen in Corona-Zeiten, denn das heißt ja: Wunderbar sind deine Werke, auch das Corona-Virus. Wunderbar wie alles, wie Sonne, Mond und Sterne, wie Wälder und Flüsse und Berge und das Meer. Das Corona-Virus ist (wie viele andere Teile der Schöpfung auch) für uns Menschen unangenehm, angstmachend, schmerzhaft, todbringend. Aber als natürliches Wesen, als Werk Gottes ist es wunderbar und von – wie ich finde – fast überirdischer Schönheit.
Dass es uns schmerzt, dass es uns Angst macht, dass wir es als Störung, als schlecht und böse sehen, das ist menschlich. Es wäre merkwürdig, wenn es nicht so wäre. Auch ich möchte nicht an CoVid-19 erkranken und ich leide, wenn ich mich an die Bilder von Bergamo erinnere. Es erschreckt mich sehr und ich bin voller Mitgefühl, wenn Bekannte mir von ihnen nahestehenden Menschen erzählen, die schwer erkrankt sind. Darum setze ich meine Maske auf und halte Abstand und wasche und desinfiziere meine Hände zig-mal am Tag. Aber: Das ist meine menschliche Sicht auf das, was ich als Mensch als Ecken und Kanten in Gottes Schöpfung empfinde.
Und doch: Manchmal schaffe ich es, die Angst und die Sorgen und den Schmerz beiseite zu schieben, mich etwas neben mich selbst zu stellen und wie der Psalmist tief in meiner Seele zu erkennen, wie großartig es ist, dass ich und dieses Virus stimmige, lebendige und wunderbare Teile in Gottes Gesamtwerk sind. Wenn ich das erkennen kann, dann entsteht das Gefühl der Dankbarkeit und mir fällt ein altes Lied ein:
„Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“

 

Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an
und sprach: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,7)

Dazu schreibet Martha Veurink:
Ein wunderbare Satz der ‚Appetit‘ macht:
Bei Hoffnungslosigkeit gibt es in greifbarer Nähe, auf Augenhöhe sichtbar, ‚verdaubares Essen‘, passende Hilfe. Und es gibt einen Aus-Weg, Schritt für Schritt.
Aber auch in Freude über meinen unbekannten Lebensweg (bei dem man auch mal müde sein oder in die Irre gehen kann) ist die Dankbarkeit wie der Speichel : Diese geschenkte Nahrung – sowohl Gottes Natur in der Form von Essen als Gottes Wort, in dem Menschen sich ausdrück(t)en – gibt große Kraft. Und dadurch kann ich unterwegs meine Aufmerksamkeit vergrößern und viel erleben.

Und Irma Haake schenkt uns folgende Erfahrung:
Statt reflektierter Gedanken zu dieser Losung bekommt ihr von mir meine eigene „Steh auf und iss!“- Geschichte:
„Ich hole jetzt Brötchen und dann gibt es Frühstück!“ – Das waren die Worte meines Bruders am Morgen nach der Nacht, in der Hartmut, mein Mann, gestorben war. Mein erster Gedanke war: „Frühstück? Essen? Was ist das? Und warum soll ich das tun?“ Die letzten Stunden hatte ich neben meinem Mann gelegen. Gefühle und Gedanken waren über mich hergefallen, so wie ich es mir vorher nicht hatte vorstellen können. Und sie hatten mich in eine andere Welt katapultiert – eine Welt, die nichts mit dem „normalen Alltag“ zu tun hatte und in die essen und trinken, einkaufen und Tisch decken nicht passten. Wäre ich allein gewesen, dann wäre ich wohl liegen geblieben oder hätte mich vielleicht irgendwann in den Sessel neben dem Bett gesetzt. Möglich, dass ich im Laufe des Tages daran gedacht hätte, einen Bestatter anzurufen. Aber etwas essen? Das schien so unwirklich und vollkommen unwichtig.
Und dann stand da dieser Engel in Gestalt meines Bruders im Zimmer und sagte: „Ich hole jetzt Brötchen und mache Frühstück!“ Das ergab für mich zunächst überhaupt keinen Sinn. Mir fiel der Spruch ein: „Gut essen hält Leib und Seele zusammen“, und ich dachte, wie blöd und abgedroschen dieser Satz ist, und dass ich nichts essen will, und noch im Moment dieser Abwehr wurde mir klar, dass genau das jetzt aber meine Aufgabe war: Leib und Seele zusammenzuhalten, weil sie auseinanderzufallen drohten. Und ich spürte ebenfalls, dass es ein weiter Weg würde, die verschiedenen Gefühle und Empfindungen, die mit der Trauer entstehen, zusammenzubringen mit den Anforderungen der Alltagswelt und wieder zu „funktionieren“.
Anders als Elia hatte ich anschließend keine Gottesbegegnung, aber ich hatte das große Glück, nicht nur einem, sondern vielen Engeln zu begegnen: Meinem Bruder und meiner Schwägerin, die für das erste Frühstück sorgten und mir klar machten, dass ich aufstehen müsse; meiner Nachbarin, die den Müll wegbrachte und den Garten wässerte; meiner Freundin, zu der ich jederzeit gehen konnte; den vielen Bekannten, denen ich die Geschichte von Hartmuts Sterben immer wieder und noch einmal erzählen durfte und schließlich, Jahre später und bis heute immer wieder, meinem Mann Jörg.